Beziehungsorientierte Erziehung: Wie du dein Kind liebevoll begleitest und im Einklang mit seinen Bedürfnissen erziehst

Bedürfnisorientierte Erziehung begegnet uns in letzter Zeit immer häufiger. Und sorgt dabei für viel Diskussionsstoff. Was für die einen der beste Weg ist, sehen die anderen als eine Erziehungsmethode, bei der die Kinder den Eltern auf der Nase herumtanzen.

Was genau steckt also hinter dem Ansatz der bedürfnisorientierten Erziehung? In diesem Artikel lernst du

  • die Grundlagen der beziehungsorientierten Erziehung kennen
  • die 3 wichtigsten Grundprinzipien dieses Erziehungsansatzes
  • wie du mit bedürfnisorientierter Erziehung künftig Machtkämpfe mit deinem Kind verhinderst

Was ist beziehungsorientierte Erziehung?

Beziehungsorientierte Erziehung, auch bindungsorientierte Erziehung genannt, ist ein Ansatz, bei dem die Beziehung zwischen Eltern und Kind im Fokus steht.

Beziehungsorientierte Erziehung heißt liebevoll begleiten, statt Macht auszuüben, zu bestrafen oder jeden Schritt zu kontrollieren. Mit anderen Worten: Es geht um Nähe, Vertrauen und Schutz −und das verträgt sich nicht mit Strafe oder Gehorsam. Und bevor du fragst:

Es geht nicht darum, dass du deinem Kind alle Freiheiten lässt oder es immer seinen Willen bekommt. Beziehungsorientierte Erziehung ist nicht gleich Laissez-faire.

Es geht auch nicht darum, dass Kinder dasselbe tun dürfen, wie Erwachsene oder die gleichen Entscheidungen treffen dürfen. Es geht darum, das Kind in seinen Bedürfnissen zu sehen und ernst zu nehmen −und gleichzeitig als Eltern in der Führungsrolle zu bleiben.

Denn Eltern haben die Erfahrung und Weitsicht und sind zuständig für die Orientierung und die Sicherheit.

Eltern, die ihre Kinder bedürfnisorientiert erziehen, kommunizieren auf wertschätzend mit ihren Kindern und erkennen ihre Bedürfnisse, nehmen sie ernst und verzichten auf Strafen, Machtausübung und Kontrolle.

Warum es bei beziehungsorientierter Erziehung nicht um Macht geht

In meinen Beratungen erlebe ich oft, dass Eltern das Gefühl haben, in einem ständigen Kreislauf aus Wutausbrüchen, Frust und Diskussionen mit ihren Kindern gefangen zu sein. Viele fragen sich: Warum endet fast jeder Tag in einem Streit?

Hier setzt die beziehungsorientierte Erziehung an. Sie geht davon aus, dass hinter jedem herausfordernden Verhalten deines Kindes ein Bedürfnis steht – sei es nach Aufmerksamkeit, Spiel und Spaß oder Selbstbestimmung. Und genau diese Bedürfnisse anzuerkennen, schafft eine Umgebung, in der weniger Konflikte und mehr Harmonie möglich sind​​.

Klassische vs. beziehungsorientierte Erziehung

Lass mich ein Beispiel machen: Die Eltern der fünfjährigen Paula wollen, dass sie ihr Zimmer aufräumt, und sie hat keine Lust. Bei der klassischen Erziehung würden die Eltern vielleicht sagen: „Räume jetzt dein Zimmer auf, oder du darfst danach nicht fernsehen.“ Paula reagiert wütend und weigert sich weiter, es entsteht eine hitzige Diskussion zwischen ihr und den Eltern.

Bei der bindungsorientierten Erziehung würden die Eltern Wege suchen, wie sie es gemeinsam schaffen, beziehungsweise Paula unterstützen können. Außerdem würden sich die Eltern fragen, ob es ein unbefriedigtes Bedürfnis Paula gerade unmöglich macht, aufzuräumen.

Sie würden außerdem physiologische Bedürfnisse wie Schlaf oder Essen in Betracht ziehen. Ihre Lösung könnte sein, das Aufräumen spielerisch zu gestalten und in kleine Aufgabenpakete verpacken (erst alle Stifte in die Stiftebox, dann die Bücher ins Regal und zum Schluss die Legosteine in die Kiste). Auch ein Aufräum-Wettbewerb, bei dem Paulas Lieblingslied läuft, wäre eine gute Idee.

Auf diese Weise fühlt Paula sich eingebunden; der bindungsorientierte Ansatz eröffnet eine Alternative, in der es ohne Konflikte bei einer positiven Atmosphäre zu einer Lösung kommen könnte.

Natürlich heißt das nicht, dass bei der beziehungsorientierten Erziehung das Miteinander stets ohne Konflikte abläuft. Die entscheidende Frage ist vielmehr, wie Eltern die Konflikte einordnen und damit umgehen.

Die wichtigste Grundannahme bindungsorientierter Erziehung

Zuerst mal ist es wichtig, zu verstehen, dass das Verhalten deines Kindes immer der Ausdruck eines Bedürfnisses ist. Egal, ob es sich weigert, die Karottensuppe zu essen oder auf dem Spielplatz einen Wutausbruch bekommt: Dein Kind macht das nicht, um dich zu provozieren.

Im Gegensatz zu traditionellen Erziehungsmethoden bleibt die Macht der Eltern bei der bedürfnisorientierten Erziehung außen vor. Weil Macht, Druck und ständige Kontrolle zu noch mehr Auseinandersetzungen führen – oder dazu, dass das Kind sich schließlich in seinen Bedürfnissen komplett zurücknimmt und in der Entwicklung eines gesunden Selbstbewusstseins gehemmt wird.

Anstatt zu sagen, „dann lese ich dir heute Abend keine Geschichte vor“, geht es darum, deinem Kind dein Mitgefühl zu zeigen − und dass du seine Gefühle wahrnimmst und verstehst.

Bei meiner Arbeit mit Eltern sehe ich oft, wie schnell sich Konflikte entschärfen, wenn sie den Druck herausnehmen und auf Beziehung statt Kontrolle setzen. Ein Vater, den ich begleitet habe, berichtete mir, wie die Konflikte mit seinem Sohn weniger wurden, als er anfing, sich seiner Erwartungen bewusst zu werden, sie zu hinterfragen und mehr auf die Signale seines Kindes zu achten.

Bedürfnisse erkennen – Was will mein Kind wirklich?

Sicher kennst du solche Situationen, in denen dein Kind beharrlich etwas von dir einfordert. Zum Beispiel wenn du gerade Zwiebeln fürs Abendessen schneidest und dein Kind quengelt, weil es möchte, dass du jetzt sofort mit ihm ins Kinderzimmer gehst und ihm aus dem Grüffelo vorliest.

Bei meiner Arbeit als Eltern- und Familiencoach berichten mir Mütter und Väter oft von ähnlichen Situationen. Für sie sieht es so aus, als forderten ihre Kinder, dass sie sofort ihre Tätigkeiten unterbrechen, um sich ihnen zu widmen.

Tatsächlich steckt hinter dieser Forderung ein tieferes Bedürfnis. Das Kind könnte sich etwa deine volle Aufmerksamkeit wünschen, weil es sich unsicher oder allein fühlt und über das Vorlesen eine Verbindung zu dir aufbauen kann, die ihm in diesem Moment fehlt.

Was bindungsorientierte Erziehung NICHT heißt

Lass mich eines klarstellen: Bedürfnisorientiert zu erziehen heißt nicht, dass du jedem Bedürfnis deines Kindes sofort nachgehen musst (außer natürlich grundsätzlichen Bedürfnissen wie auf die Toilette zu gehen). Deine eigenen Grenzen und Bedürfnisse sind ebenso wichtig. Aber ein erster Schritt ist, das Bedürfnis hinter dem Verhalten zu erkennen.

Du könntest deinem Kind signalisieren: „Ich sehe, dass du gerade mit mir spielen möchtest und ich bin gleich für dich da. Lass uns gemeinsam überlegen, was du so lange tun kannst, während ich das Essen fertig mache.“ Auf diese Weise zeigst du Verständnis und schaffst eine Verbindung, ohne deine eigenen Grenzen zu überschreiten.

Die 3 wichtigsten Prinzipien der beziehungsorientierten Erziehung

Wenn du dich entscheidest, dein Kind beziehungsorientiert zu erziehen, gibt es 3 Grundannahmen, hinter denen du stehen solltest, wenn du eine tiefe Verbindung zu deinem Kind aufbauen und ihm Raum für eine gesunde Entwicklung lassen willst.

Dein Kind ist gleichwertig

Du siehst dein Kind als gleichwertig (aber nicht als kleinen Erwachsenen, sondern als einen Menschen, der sich entwickelt). Du nimmst seine Gefühle erst und achtest sein Recht auf Würde und Selbstbestimmung.

Selbstregulation statt Fremdregulation

Du unterstützt dein Kind dabei, seine Gefühle selbst zu regulieren, anstatt es mit Belohnung oder Bestrafung zu lenken. Du siehst deine Rolle als emotionale:r Begleiter:in und gibst deinem Kind den Raum, seine eigenen Gefühle zu verstehen und zu verarbeiten.

Verbindung statt Kontrolle

Du verzichtest auf Machtkämpfe und Kontrolle, weil du weißt, dass dein Kind sich in einer vertrauensvollen Beziehung, in der es sich verstanden fühlt, besser entfalten und besser lernen kann.

Beziehungsorientierte Erziehung im Alltag – 5 praktische Tipps

1. Höre zu, bevor du reagierst

Manchmal hilft es schon, wenn du deinen ersten Impuls für eine direkte Reaktion zu bremsen. Nimm dir einen kurzen Moment Zeit, höre deinem Kind zu und gib ihm die Möglichkeit, sich auszudrücken, bevor du einen Ratschlag gibst oder eine Lösung anbietest.

2. Kenne deine Grenzen − und vertritt sie

Auch deine persönlichen Grenzen müssen Beachtung finden. Du bist die Basis für dein Kind und gleichzeitig sein Vorbild. Dass du dich wohlfühlst, ist die Grundlage für ein funktionierendes Miteinander.

Indem bei euch in der Familie klare Regeln gelten, schaffst du eine stabilere und harmonischere Atmosphäre in der Familie. Lies auch meinen Artikel über harmonisches Familienleben, um mehr über diese Dynamik zu erfahren.

3. Hilf deinem Kind, starke Gefühle zu bewältigen

Zeige deinem Kind, dass starke  Gefühle völlig okay sind und benenne diese Gefühle. Wichtig ist, dass du zwischen deinem Kind und seinem Verhalten unterscheidest. Mit anderen Worten: Du kannst dich über ein bestimmtes Verhalten ärgern, aber deinem Kind gleichzeitig signalisieren, dass es bedingungslos geliebt wird.

4. Nimm die Bedürfnisse deines Kindes ernst

Damit meine ich nicht, dass du euren Alltag komplett auf die Bedürfnisse deines Kindes ausrichtest. Es reicht, wenn du Verständnis zeigst, etwa, indem du sagst: „Ich merke, dass du gerne noch auf dem Spielplatz bleiben möchtest. Du kannst noch zwei-mal rutschen, bevor wir gehen. Durch deinen Vorschlag fühlt sich dein Kind respektiert und gehört.

5. Sei Vorbild und reflektiere dein Verhalten

 Beobachte dein eigenes Verhalten: Wie gehst du selbst mit starken Gefühlen um? Nimmst du deine eigenen Bedürfnisse ernst? Sich diese Fragen zu stellen, lohnt sich. Denn dein Kind macht nicht immer das, was du sagst, sondern vielmehr das, was du tust.

Bindungsorientierte Erziehung: Mein Fazit

Hinter der bindungsorientierten Beziehung steht eine Grundhaltung. Wenn du sie in deinen Familienalltag einbinden willst, bedarf es einem Rahmen und Regeln, aber auch dem Raum für Gefühle und Bedürfnisse.

Wichtig ist, dass es auch dir als Elternteil dabei gut geht und dass du authentisch bist, denn das spürt dein Kind. Als Elternteil solltest du Sicherheit und Wertschätzung vermitteln.

Mein wichtigster Rat für dich: Sei dir bewusst darüber, welche Werte dir wichtig sind und was du deinem Kind fürs Leben mitgeben möchtest.

Wenn du dir eine innige und vertrauensvolle Beziehung zu deinem Kind wünschst, dann solltest du sie leben. Verhalte dich so, wie du es dir von deinem Kind wünschst, denn du trägst die Verantwortung für die Gestaltung eurer Beziehung.

Natürlich geht das nicht von heute auf morgen. Eine Veränderung anzustoßen und sie konsequent umzusetzen ist immer ein Prozess und deshalb darfst du milde und geduldig mit dir sein und dich über jeden kleinen Schritt freuen, den du vorwärts machst.

Falls du dir dabei Unterstützung wünschst, dann schreibe mir und wir finden heraus, wie ich dich dabei begleiten kann. Hier kannst du dir einen Termin für ein unverbindliches Kennenlerngespräch buchen.