„Du bist gemein.“
„Nein, ich mach das nicht.“
„Ich will das aber.“
Wutausbrüche bei Kindern kommen oft plötzlich und unerwartet. Besonders nach einem langen Tag in der Kita oder Schule, wenn das Maß an Kompromissbereitschaft erschöpft ist, kann es zu regelrechten Gefühls-Explosionen kommen − beim Einkaufen, auf dem Spielplatz oder beim Zubettgehen.
Wutausbrüche sind für uns Eltern oft anstrengend und wenig nachvollziehbar. Dabei sind sie ein ganz normaler Teil der kindlichen Entwicklung. In diesem Artikel zeige ich dir Wege auf, wie du bei einem Wutausbruch deines Kindes ruhig bleibst und es bei dem Sturm der Gefühle liebevoll begleiten kannst.
Wenn dich die Wutausbrüche deines Kindes manchmal an deine Grenzen führen, hilft es dir vielleicht zu verstehen, dass sie nicht nur normal sind, sondern zur Entwicklung deines Kindes dazugehören. Bei manchen Kindern sind sie einfach nur stärker ausgeprägt als bei anderen.
Warum hat mein Kind Wutausbrüche?
Wut als Ausdruck von emotionalem Stress
Wutausbrüche entstehen, wenn sich bei deinem Kind Stress angestaut hat. Hier brechen sich dann Frustration, Enttäuschung, Trauer oder Ärger Bahn. Allesamt große Gefühle, die dein Kind noch nicht in Worte fassen kann, deshalb reagiert es so impulsiv.
Der Grund, warum dein Kind mit den emotionalen Anforderungen der jeweiligen Situation noch nicht zurechtkommt, ist, dass der sogenannte präfrontale Kortex bei kleinen Kindern noch stark unterentwickelt ist. Das ist der Teil des Gehirns, der für Sprache, Logik und Planung zuständig ist und bei der Regulierung von Gefühlen eine Rolle spielt. Das kann dazu führen, dass dein Kind in gewissen Situationen emotional regelrecht explodiert.
Wut als Versuch, die eigenen Grenzen zu wahren
Wut ist ein sogenanntes Sekundär-Gefühl. Das heißt, hinter den Wutausbrüchen stecken eigentlich Gefühle wie Scham, Schuld, Trauer, Frust, Hilflosigkeit oder Ohnmacht.
Stell dir vor, dein Kind bekommt ständig vorgeschrieben, was es tun oder lassen soll. Das kann zu Wut und Aggression führen. Denn in diesen Momenten stehen ihm nur diese beiden Emotionen zur Verfügung, um seine Grenzen zu verteidigen und zu schützen.
Wenn die Grenzen überschritten werden oder dein Kind keine Möglichkeit hat, selbst etwas auszuprobieren und Autonomie zu erleben – was grundsätzliche Bedürfnisse sind – verstärkt das die Wut und Aggressionen zusätzlich. Der Wutausbruch ist dann ein natürlicher Versuch deines Kindes, seine eigene Freiheit und Selbstverwirklichung zu bewahren.
Wutausbrüche als Teil der kindlichen Entwicklung
Wie Eltern die Wut und Wutausbrüche ihrer Kinder erleben, ist sehr unterschiedlich. Während die einen schon von einem ausgeprägten Wutanfall sprechen, der sie sehr besorgt, empfinden andere die gleiche Situation als „nicht der Rede wert“ und bleiben gelassen.
Das ist der Grund, weshalb mir als Familien- und Elterncoach sehr wichtig ist, mit Müttern und Vätern darüber zu sprechen, was bei ihnen genau Unsicherheit und Stress verursacht und worüber sie sich Sorgen machen. Dabei finde ich es wichtig zu verstehen, inwieweit sie das Verhalten ihres Kindes auf sich selbst und ihre Kompetenz als Eltern beziehen.
Wut aus Überforderung
Insbesondere Kleinkinder sind oft überfordert, wenn sie von Erwachsenen viele Fragen gestellt bekommen oder Entscheidungen treffen sollen – etwa darüber, was sie essen möchten, womit sie spielen wollen, ob sie nach draußen gehen oder drinnen bleiben möchten, was sie anziehen sollen oder ob sie abends vorgelesen bekommen oder ein Hörbuch hören möchten.
Mein Eindruck ist, dass dahinter die gute Absicht der Eltern steht, ihr Kind einzubinden und seine Bedürfnisse zu berücksichtigen. Doch in vielen Fällen sind Kinder in diesem Alter noch gar nicht dazu in der Lage, solche Entscheidungen eigenständig zu treffen. Vielmehr brauchen sie das Gefühl von Sicherheit, das entsteht, wenn die Eltern Verantwortung übernehmen und bestimmte Entscheidungen für sie treffen. Wird diese Überforderung nicht aufgefangen, kann sie sich schließlich auch in Form eines Wutausbruchs zeigen.
Trotzanfälle bei Kleinkindern
Im Alter zwischen zwei und sechs Jahren erleben Eltern oft das, was als (hysterische) Trotzanfälle beschrieben wird. Ich nutze diesen Begriff nicht so gerne, weil er den Eindruck vermittelt, das Kind würde bewusst gegen etwas rebellieren. Deshalb halte ich auch nicht viel von dem Begriff „Trotzphase“ und spreche lieber von der Autonomiephase.
Diese Phase ist sehr wichtig für dein Kind, weil es in dieser Zeit lernt, seinen eigenen Willen zu entdecken und durchzusetzen. Es lernt, erste Schritte in Richtung Selbstständigkeit und Unabhängigkeit zu machen.
Bestimmt kennst du sie auch von deinem Kind: Reaktionen wie Schreien, Weinen oder mit Gegenständen werfen. Wenn dein Kind dieses Verhalten zeigt, macht es das nicht, um sich absichtlich falsch zu verhalten. Ganz im Gegenteil sind auch sie ein natürlicher Teil der Entwicklung.
Es hilft, klare und liebevolle Grenzen zu setzen, während du deinem Kind Raum für Entscheidungen lässt. Geduld und Verständnis stärken in dieser Phase das Vertrauen zwischen Eltern und Kind.
Was du tun kannst, wenn dein Kind einen Wutausbruch hat
Bewahre Ruhe und versuche nicht zu argumentieren
Wenn dein Kind einen Wutausbruch hat, sei präsent, zeige deinem Kind, dass du da bist. Warte zunächst ab und beginne nicht sofort, zu reden. Es würde nämlich nichts nützen, wenn du jetzt viel erklärst, weil dein Kind im Moment der Wut nicht zuhören oder lernen kann. Es ist schlichtweg gerade nicht aufnahmefähig für rationale Erklärungen.
Zeige Verständnis für den Frust
Anstatt zu sagen: „Du musst nicht weinen, so schlimm ist es doch nicht“, zeige Verständnis: „Ich sehe, dass du enttäuscht bist, weil es noch nicht funktioniert hat.“ So kannst du deinem Kind helfen, sich beruhigt und unterstützt zu fühlen.
Mitfühlen, aber nicht mitleiden
Höre zu und fühle mit deinem Kind mit – aber ohne dabei mitzuleiden. Mitfühlen bedeutet, dass du die Gefühle deines Kindes anerkennst und Verständnis zeigst, ohne selbst in diese Emotionen hineingezogen zu werden. Wenn du mitleidest, übernimmst du die Emotionen deines Kindes und reagierst möglicherweise gestresst.
Wichtig ist auch die richtige Grundhaltung zu Wutausbrüchen deines Kindes. Dein Kind ist in dem Moment nicht böse oder schlecht, sondern kann seinen Emotionen gerade nicht anders zum Ausdruck bringen. Daher solltest du die Wutausbrüche auch nie persönlich nehmen.
Wie du Wutanfälle deines Kindes vermeiden kannst
- Vorausschauende Planung
Versuche, deinen Alltag so zu planen, dass es möglichst selten zu Situationen kommt, die bei deinem Kind Überforderung auslösen könnten. Denke an genügend Pausen, regelmäßige Mahlzeiten und ausreichend Schlaf. Ein übermüdetes oder hungriges Kind ist viel anfälliger für Wutausbrüche (das gilt im schließlich genauso für dich selbst, oder?) - Übergänge im Alltag stressfreier gestalten
Hilfreich ist es auch, wenn du deinem Kind Zeit gibst, sich auf Veränderungen einzustellen. Das gilt auch für Ortswechsel wie zum Beispiel vom Spielplatz nach Hause. Anstatt deinem Kind zu sagen: „Leg das Spielzeug weg, wir gehen jetzt“ könntest du ankündigen: „Du kannst das noch zuende spielen und in fünf Minuten gehen wir.“ So hat dein Kind die Möglichkeit, sich auf den Wechsel vorzubereiten und es kommt weniger zu Diskussionen.
Tipp: Wenn dein Kind generell sehr häufig diskutiert und es schwierig ist, gemeinsam einen Kompromiss zu finden, kann dir mein Artikel Mein Kind diskutiert ständig weiterhelfen. - Schaffe Rituale
Kinder lieben Vorhersehbarkeit, weil es ihnen Sicherheit gibt. Feste Rituale – wie eine Geschichte vor dem Schlafengehen oder ein Lied im Auto auf dem Weg zur Kita – helfen, den Alltag zu strukturieren und geben Orientierung. Wenn Kinder wissen, was als Nächstes kommt, fühlen sie sich sicherer und reagieren weniger gestresst. - Sei klar
Bleibe bei dem, was du gesagt hast. Wenn du bei den Wutanfällen deines Kindes deinen Standpunkt verlässt, kann das dazu führen, dass es die Wutanfälle unbewusst dafür einsetzt, um sein Ziel zu erreichen (würden wir doch alle tun, oder?) Viel wichtiger ist es, deinem Kind zu signalisieren, dass es okay ist, wenn es frustriert ist. - Beobachte dein eigenes Verhalten
Frage dich: Wie gehe ich eigentlich damit um, wenn mir etwas nicht gelingt oder ein Fehler passiert? Als Elternteil bist du ein Vorbild. Dein Kind lernt viel durch Beobachtung.
Was verbindest du selbst mit Wut, und wie sind deine eigenen Erfahrungen damit? Oft spiegeln Kinder nicht ausgelebte Emotionen der Eltern wider. Indem du dein eigenes Verhalten und deine Emotionen reflektierst, kannst du bewusster auf die Reaktionen deines Kindes eingehen und ihm gesunde Wege zeigen, mit Wut umzugehen und eure Beziehung dadurch stärken.
Tipp: Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, wie du eine starke, vertrauensvolle Beziehung zu deinem Kind aufbaust, schau dir meinen Artikel über beziehungsorientierte Erziehung an.
Wutausbrüche bei Kindern: mein Fazit
Wutausbrüche sind wichtig und notwendig für die gesunde Entwicklung deines Kindes. Trotzdem gibt es einiges, was du tun kannst, um die Situation zu deeskalieren und dein Kind durch das Gefühl der Wut zu begleiten.
Der erste Schritt dahin ist, zu verstehen, dass hinter den Wutausbrüchen große Gefühle und Bedürfnisse stecken, die dein Kind noch nicht anders ausdrücken kann.
Neben den konkreten Tipps, die ich dir hier gegeben habe, ist mir der Punkt der Selbstreflexion besonders wichtig. Wenn ich als Familiencoach Eltern begleite, geht es natürlich auch darum, was sie konkret in ihrem Alltag verändern können, wie sie anders reagieren können. Dazu gehört aber auch, dass sie selbst ihre eigenen Erfahrungen und ihren Umgang mit Wut reflektieren, damit sie bewusster mit der Wut ihrer Kinder umgehen können.
Hat dein Kind öfter Wutausbrüche und du wünschst dir professionelle Begleitung, um ihm besser helfen zu können und wieder mehr Harmonie in den Familienalltag zu bringen? Dann schreibe mir und wir schauen, wie ich dich unterstützen kann.